Interessantes

Zwei Siegel und ein Selbstmord – Wo sind die mittelalterlichen Schätze des Grevesmühlener Stadtarchivs?

Am 8. Juli des Jahres 1898 ging beim Magistrat der Stadt Grevesmühlen ein Brief des Vorstands des damaligen „Großherzoglichen Geheimen- und Hauptarchivs“ in Schwerin, Hermann Grotefend, ein. Er bat darin die Stadt, ihre mittelalterlichen Siegelstempel nach Schwerin zu senden, da dort ein zweites Exemplar des großen Siegelstempels aufgetaucht war.
Die großherzogliche Regierung hatte aus einem Nachlass einige Stempel von Städtesiegeln angekauft. Grotefend hatte den Verdacht, dass die Stadt eine Fälschung verwahrte: „Es besteht die Vermuthung, daß einer der beiden Stempel gefälscht ist, und sprechen Gründe dafür, daß der jetzt in Händen der Stadt befindliche der gefälschte ist.“ Die Stadt kam der Bitte nach und schickte ihre Stempel nach Schwerin. Einige Wochen später erhielt die Stadt ihre Stempel mit einem beruhigenden Ergebnis zurück. Die Untersuchung habe ergeben, „daß die in Ihrem Besitze befindlichen echt sind, während die von der Regierung angekauften nach den Ihrigen gefälscht sind.“ Die Stadtoberen hatten dieses Ergebnis allerdings erwartet. Schließlich ließ sich mit Hilfe der städtischen Akten der Verbleib der beiden Siegelstempel über Jahrhunderte zurückverfolgen. Das größere der beiden Siegel wurde zur Beglaubigung wichtiger städtischer Urkunden verwendet. Der Stempel aus Silber wurde in Wachs gedrückt, das Siegel dann meist mit Hanfschnüren oder Pergamentstreifen an der Urkunde befestigt.
Es war im Durchmesser etwa sieben Zentimeter groß. Das Siegel zeigt ein Mühlrad, in dessen Kranz auf vier Speichen der Mecklenburgische Stierkopf liegt. Die Siegelumschrift lautet in lateinischer Sprache: „+SIGILLUM:CIVITATIS:GNEVVESMOLEN:“ – Siegel der Stadt (von lat. Cives, civitatis: Bürger, Bürgerschaft) Grevesmühlen.

Etwa zeitgleich mit dem großen Siegelstempel legte sich die Stadt ihren kleineren, den so genannten Sekretstempel (von lat. Secretum: Geheimnis. Die Bezeichnung Sekretsiegel hat sich von der ursprünglichen Verwendung als Briefverschlusssiegel, um das Geheimnis des Briefes zu bewahren, erhalten.) zu. Dieses, im Jahr 1376 zum ersten Mal nachgewiesene Siegel misst etwa 3,5 cm im Durchmesser und wurde zur Beglaubigung von Urkunden verwendet, die weniger bedeutende Rechtsgeschäfte dokumentierten. Es wurde direkt auf das Pergament bzw. Papier in Wachs gedrückt.

Das große Siegel ist zum ersten Mal an einer Urkunde aus dem Jahr 1377 nachgewiesen, in der die Stadt und das Land Grevesmühlen Elisabeth, der Gemahlin des Herzogs Magnus von Mecklenburg, huldigen. Die Herzogin bekam Stadt und Land Grevesmühlen als „Leibgedinge“ übertragen. Ihr standen aus diesem Gebiet genau bestimmte Einkünfte zu.
Ein Original dieser Urkunde wurde bis zum Zweiten Weltkrieg im Staatsarchiv Stettin aufbewahrt, da Elisabeth die Tochter eines Herzogs von Pommern-Rügen war. Heute befindet sich diese Urkunde im Landesarchiv Greifswald, das 1899 im Mecklenburgischen Urkundenbuch beschriebene Siegel ist heute jedoch nicht mehr an der Urkunde. Bis weit in das 16. Jahrhundert hinein ist die Verwendung des großen Stadtsiegels nachgewiesen. Im Jahr 1562 wurde es zum Beispiel für die Beglaubigung eines Vergleichs mit dem holsteinischen Kloster Reinfeld verwendet. Stadt und Kloster stritten sich um verschiedene Einkünfte, die dem Kloster zustanden und von der Stadt seit mehreren Jahren nicht bezahlt worden waren. Die Ausfertigung dieser Urkunde für die Stadt wurde wie die Siegelstempel über Jahrhunderte sorgsam auf dem Rathaus verwahrt, bis sich in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Spuren dieser und weiterer wertvoller Urkunden verliert.

 Die Siegelurkunden auf Pergament verloren in Mecklenburg im 16. und 17. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung und wurden von Urkunden auf Papier abgelöst. Schwere anhängende Siegel wurden durch einfachere auf das Papier aufgedrückte Siegel ersetzt. Die beiden Grevesmühlener Siegelstempel wurden jedoch weiter zusammen mit den wichtigsten Urkunden der Stadt sicher verwahrt. Die früheste Nachricht hierüber, die in den im Stadtarchiv verwahrten Akten zu finden ist, stammt aus dem Jahr 1751. Nach dem Tod des Bürgermeisters Stoltz wurden am 19. Juli 1751 der Ratmann Michael Andreas Pfundheller und der Apotheker Johann Reinhold Schnitzenbäumer zu Bürgermeistern gewählt. Zum Ritual der Wahl gehörte, dass zuvor aus den Zwölfmännern der Stadt (einer Art städtischer Bürgervertretung) zwei Stadtsprecher gewählt wurden. Diesen Bürgern wurden dann für die Dauer der Wahl „die zweene Schlüßel zur Stadt-Lade vorinnen Alte Uhrkunden, und Privilegia benebst zwene Silberne Siegel befindtlich, anvertraut …“. Nach der Wahl übertrugen dann die Bürger dem neuen Stadtoberhaupt die Gewalt über die Stadtlade. Ähnlich verfuhr man auch bei späteren Wechseln an der Stadtspitze. Nach dem Ausscheiden oder dem Tod der Bürgermeister wurde deren Nachlass gesichtet und dem neuen Stadtoberhaupt übergeben. So behütet lässt sich die Spur der Siegelstempel und der zehn ältesten Urkunden bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verfolgen. Der verdienstvolle Stadtschreiber Friedrich Belg konnte in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die wertvollen Stücke für die Arbeit an seiner „Chronik der Stadt Grevesmühlen“ selbst noch nutzen.
Am Ende des Krieges, im Jahr 1945 sorgte Belg für eine sichere Unterbringung der Siegelstempel und Urkunden im Luftschutzbunker unter dem Rathaushof. Hier verliert sich vorerst die Spur der beiden silbernen Siegelstempel. Beide wurden nicht erwähnt, als im Jahr 1947 die Urkunden wieder auftauchten. Nach Aufzeichnungen im Landeshauptarchiv Schwerin, welche die Betreuung des Archivs in Grevesmühlen dokumentieren, soll sich im Frühling 1945 in Grevesmühlen Folgendes zugetragen haben: Unmittelbar nach Kriegsende hätte der damalige Bürgermeister von Grevesmühlen die alten Stadturkunden an den Hausmeister übergeben, damit dieser sie vernichte. Zum Glück hätte er dies jedoch nicht getan, sondern die Stücke dem heimatkundlich interessierten Kellner Herrn H. aus der Bahnhofstraße überlassen. H. hat die Urkunden dann am Ende des Jahres 1947 nachweislich wieder an die Stadt abgegeben, wo sie im Bürgermeisterzimmer in einem Tresor verwahrt wurden. Mag diese Version nun stimmen oder nicht, die letzte Nachricht von den Urkunden datiert jedenfalls aus dem Jahr 1952. Nach dem Umzug des Rathauses lagerten sie noch immer im Zimmer des Bürgermeisters. Danach verliert sich ihre Spur bis heute.

Während die Urkunden bis heute verschollen sind, ist der Stempel für das große Stadtsiegel wieder in Grevesmühlen zu bestaunen. Zu verdanken ist dies der Sparkasse Grevesmühlen, die das wertvolle Stück in den 1990er Jahren aus Privatbesitz ankaufte. Der Verkäufer bot den Stempel im Bewusstsein seines ideellen Wertes für die Kommune als erstes der Stadt an. Der Verwaltung fehlten jedoch die Mittel, um den Ankauf zu realisieren. Der verantwortliche Beamte verwies den Verkäufer deshalb an die örtliche Sparkasse, die glücklicherweise den ideellen (und wahrscheinlich auch den materiellen) Wert erkannte und den Siegelstempel erwarb. Der Stempel ist heute das Prunkstück in der Ausstellungsvitrine der Geschäftstelle der Sparkasse Mecklenburg-Nordwest am Sparkassenplatz in Grevesmühlen. Dass es sich um den Originalstempel aus dem 14. Jahrhundert handelt, wurde im Jahr 2007 zum zweiten Mal durch ein Gutachten des Direktors des Landeshauptarchivs bestätigt. In Schwerin wird bis heute die Kopie verwahrt. Erhärtet wurde das Urteil durch eine Materialanalyse, welche die Sparkasse 2008 in Auftrag gab. Das renommierte „Rathgen-Forschungslabor“ der Staatlichen Museen zu Berlin analysierte die genaue Zusammensetzung der beiden Stempel und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Das Original besteht aus Silber mit einem Kupferanteil von 12,6 %. Die Kopie ist aus Messing, wie es im 19. und 20. Jahrhundert hergestellt wurde. Doch wie kam das Archiv in Schwerin zu den zwei Kopien der Grevesmühlener Stempel? Denn neben dem großen Siegelstempel existiert in der Schweriner Sammlung auch eine Kopie des erwähnten kleineren Sekretstempels. Beide Stempel stammen aus dem Nachlass des mecklenburgischen Regierungsbeamten Carl Teske, der als Autodidakt im Jahr 1885 das Buch „Die Wappen der Großherzogthümer Mecklenburg, ihrer Städte und Flecken“ veröffentlichte. Für diese Arbeit verwendete er Abdrücke mecklenburgischer Städtesiegel, die ihm von den Städten zugeschickt wurden. Darunter waren auch Abdrücke aus Grevesmühlen. Die beiden Grevesmühlener Originalstempel aus dem Mittelalter ließ er sich 1887, zwei Jahre nach Erscheinen des Buches, zusenden. Er schrieb dem Bürgermeister, dass er jetzt an „Studien mittelalterlicher Gravirungen in Norddeutschland“ arbeite und die Stempel hierfür „nur höchst ungern entbehren“ könne. Nach einigem Zögern der Stadtoberen wurden ihm die Originale zugesandt. Möglicherweise war die angeblich wissenschaftliche Arbeit nur ein Vorwand Teskes, um direkt von den Originalen Kopien anzufertigen. Die Stempel wurden von ihm erst mit dreiwöchiger Verspätung zurückgesandt. Insgesamt verfügte er fast fünf Wochen über die wertvollen Stücke, Zeit genug, um sie kopieren zu lassen. Außerdem ist eine Veröffentlichung seiner Studien nicht bekannt.

Über die Motive von Teske kann nur spekuliert werden. Grotefend vermutete Gewinnsucht oder Sammlerehrgeiz. Überliefert ist nur, dass das Schweriner Museum am Ende des 19. Jahrhunderts den Nachlass von der Witwe auf einem Umweg über Berlin nach dem Selbstmord von Carl Teske erworben hatte.

Was ist aus dem Original des kleinen Sekretstempels geworden? Hat der Kellner H. dies zusammen mit dem großen Stempel 1945 nicht an die Stadt zurückgegeben? Und wo sind zehn wertvollen Urkunden von Grevesmühlen, die doch 1952 noch im Rathaus waren? Vielleicht schlummern sie zusammen mit dem kleinen Siegelstempel noch immer irgendwo in der Stadtlade und harren ihrer Wiederentdeckung. Es wäre ein großes Geschenk für die Stadt, wenn 2009, im Jahr des Jubiläums der ältesten Urkunde von 1359, die Urkunden wieder in ihren Besitz gelangen würden.

Alexander Rehwaldt Stadtarchiv Grevesmühlen